Durch Zwiegespräche sich selbst entdecken



Der Psychoanalytiker und Paartherapeut Dr. Michal Lukas Moeller hat prägend die Liebe erforscht und dabei das kraftvolle Instrument der Zwiegespräche über Jahrzehnte entwickelt, ausgeführt und weitergegeben.

In diesem Artikel gehe ich auf diese Art des Miteinanderredens ein und möchte ein jeden dazu einladen, sich in dieser Art des Kommunizierens zu üben.


Was bewegt mich gerade am meisten?

So die oft gestellte Eingangsfrage eines Zwiegespräches. Zwiegespräche oder auch Dyalog genannt, unterscheiden sich wesentlich von unseren regulären Gesprächen. In Zwiegesprächen geht es darum die eigene Wirklichkeit (tiefer) im gemeinsamen Kontext zu ergründen. Das bedeutet konkret das jede Frage die den anderen im Gespräch dazu bringt die eigene Meinung anzunehmen (Kolonialisierung), jegliche Form von Diskussion und steuernde Aussagen, Fragen, Kritik usw. untersagt sind. Das dies immer mal wieder geschieht ist selbstverständlich, jedoch soll ein jeder, der den Versuch des Dialogs wagt, sich darin üben vor allem nicht den anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen, sondern immer mehr in die Ent-deckung der eigenen Wirklichkeit vorzudringen.


Lass uns gegenseitig unsere Welt erklären

Das fordert ganz besonders, sind wir doch in unserem Alltag besonders damit beschäftigt über andere zu reden, zu urteilen, sie mit Vorwürfen zu überschütten, Andere professionell zu analysieren und ihr Verhalten punktgenau zu interpretieren und vor allem gut darin, von uns selbst, den eigenen Gefühlen, den eigenen tiefer liegenden Blockaden und Schatzkisten abzulenken, sie letztlich zu verdrängen.

In Zwiegesprächen steht immer im Vordergrund: Was bewegt mich gerade am meisten? Was kommt bei mir nach oben wenn du darüber berichtest. Es ist ein Gespräch welches im Idealfall nur von Ich-Erzählungen und Berichten der eigenen inneren Wirklichkeit lebt. Dabei werden häufig allerlei Gefühle, Bilder und Assoziationen angeregt und freigelegt. Geübte Zwiegesprächler, das können Freunde, Familienmitglieder, Paare, Arbeitskollegen,… sein, gelangen so tief in die eigene Psyche, dass sie Bilder von früheren Generationen abrufen können und sich mit diesen verbinden können um eigenes Verhalten und Empfinden im hier und jetzt besser zu verstehen und neu auszurichten.


Wer sich selbst versteht, wer mit sich selbst in Verbindung und Beziehung steht, kann erst richtig in Beziehung mit anderen treten

Zwiegespräche dienen der eigenen, persönlichen Entwicklung und damit automatisch der Entwicklung der Beziehung. Es wird quasi indirekt an der Beziehung gearbeitet, da die eigene Beziehung immer tiefer hergestellt wird. Dadurch wächst Ich-Stärke, Selbstbewusstsein, Autonomie, Bewusstsein, Wahrnehmung, Intuition, Beziehung, …

Ein Zwiegespräch nimmt meisten 1-1,5 Stunden in Anspruch und sollte im besten Fall 1 mal in der Woche geführt werden. Vor allem die Regelmässigkeit und geschaffene Struktur, welche zu Anfangs häufig auf Abwehr und Widerstand stösst, verhilft den Gesprächspartnern im Laufe der Zeit immer tiefer und effektiver in Kontakt zu sich und dem anderen zu treten. Diese Erfahrung ist gegenläufig zum breiten Angebot der Selbstverwirklichung heutzutage. Es gibt tausende Workshops, Retreats, Selbsterfahrungsgruppen, etc. Alle darauf abgezielt die eigene Identität zu stärken, mit sich in Verbindung zu treten und mit mehr Achtsamkeit das eigene Leben zu gestalten und diese Welt ein Stück besser zu machen. Eine wirklich wunderbare und wichtige Entwicklung unserer Zeit, doch leiden trotz dessen die meisten Beziehungen unter Kontaktlosigkeit. Wir sind so sehr damit beschäftig uns selbst zu verwirklichen und weiterzuentwickeln, dass Kontakte zu Familie, Freunden, Partner auf ein Minimum reduziert sind. Wir klagen trotz Wüstenretreat über Beziehungslosigkeit in der eigenen Partnerschaft. Wir rennen zum tausendsten Aufstellungsseminar und wundern uns über die wieder zerbrochene Ehe.

Zwiegespräche laden dazu ein, in Verbindung mit dem Anderen, den Genuss der Selbstentwicklung geniessen zu können, ohne dabei in den nächsten Wald rennen zu müssen und ganz für sich zu sein. Sie laden dazu ein, das Reden und kommunizieren ganz neu zu entdecken und Beziehung tief und echt zu erleben. Wir dürfen uns eingestehen, dass wir vor allem in Deutschland unter derber Beziehungsarmut, kollektiver Sprachlosigkeit, Narzissmus und Bindungsstörung leiden. Und tendenziell verkümmert unsere Sprachfähigkeit, Verbindung zur Intuition und inneren Wirklichkeit, wodurch unsere Beziehungen in der Familie unter Freunden und im (Arbeits)Leben leiden.

Zeit für Beziehung steht ganz nebenbei auch im direkten Kontrast zum Leistungsoptmimierten Alltag aus Arbeit, Geld verdienen, Freizeit, Hobby, Achtsamkeitsübungen, Kinder, usw., welcher alles andere als Zeit freiräumt für echte Begegnung.


Wie also Zeit fürs Reden und Beziehung nehmen, wenn alles darauf programmiert zu sein scheint, sich zu verbessern und schneller zu werden?

Regelmässige Strukturen und feste Planung sind ein erster Schritt. Ängste und Widerstände überwinden ein zweiter. Wir müssen durch unsere Widerstände, trotz aller Ängste hindurch, mit dem Schmerz, mit allen Unsicherheiten, Leeren, Aggressionen…Wer Zwiegespräche führt, wird definitiv Widerstände erleben: „Das macht doch alles keinen Sinn!“. Dahinter verbirgt sich die direkte Einladung gerade jetzt weiterzumachen, will doch genau in den Momenten des grössten Widerstandes, ein unbewusstes Thema vehement abgewehrt werden.Das bedeutet, dass wenn die Unlust und Abwehr vor dem eigentlichen Gespräch sehr hoch oder tausend andere Termine wieder das Gespräch abwehren wollen, wir unbewusst ein ganz bestimmtes Thema nicht sehen wollen. Wir sind Verdrängungskünstler. Natürlich will keiner Schmerz fühlen und die eigenen verborgenen Geschichten freiwillig (zumindest am Anfang) aufdecken. 


Die neue Perspektive lautet jedoch: Wer durchhält, weitermacht und sich selbst entdecken möchte, wird auf Dauer von der immensen Kraft der Zwiegespräche profitieren, Schatzkisten öffnen, Ressourcen in sich, in den eigenen Beziehungen, der Partnerschaft, im Arbeitsleben entschlüsseln und in der Visualisierung und Umsetzung von Träumen, Zielen und Wünschen, der bewussten und aktiven Gestaltung des eigenen Lebens bedeutende Schritte setzen können.


Im übrigen profitieren die eigenen Kinder ganz besonders von der Wirkung der Zwiegespräche. Wenn sich Paare mit Kinder dazu entschliessen Zwiegespräche zu führen, also die Verbindung zu sich und damit dem anderen zu vertiefen, spüren Kinder die wachsende Verbindung über den Fortschritt und die Entwicklung der Eltern in sich selbst. Bedeutet Konkret: Kinder folgen unbewusst ihren Eltern.Wer sich traut in Dialog mit sich und dem Partner zu treten, wirkt aktiv an der Gesundheit, Identitätsbildung, seelischen Stabilität und grundsätzlichen Entwicklung der eigenen Kinder beitragen. Und das ganz ohne direkten erzieherischen Einfluss zu nehmen. Wie wunderbar! Für Schulen und Erzieherische Einrichtungen wartet hier noch ein ganz besonderes Aufgaben für die nächsten Jahrzehnte.

Zu Anfang kann ein Paartherapeut oder ein Berater, je nachdem in welchem Kontext das Gespräch stattfinden soll, eine hilfreiche Stütze sein um ganz besonders aus der „Du solltest, Du Hast, Wenn du, dann“ - Kommunikation herauszuwachsen. Für Wissbegierige empfehle ich das Basiswerk „Die Wahrheit beginnt zu zweit“ von M.L. Moeller, eins von insgesamt vier Büchern über die Bedeutung von Zwiegesprächen.


Also, setz doch heute den ersten Schritt und trau dich deinen Partner, deine Eltern, deine Freunde, für ein solches Gespräch einzuladen. Es wartet nur Gewinn.


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